Linus

Linus ist so ziemlich in Allem das genaue Gegenteil von Wotan. Wo der Fuchs stark und stabil ist, ist Linus weich und verletzlich. Wo Wotan poltert, zieht Linus den Kopf ein. Wo Wotan kämpft, rennt Linus weg. Er ist introvertiert, eher ein Einzelgänger und andere Pferde kommen bei ihm weit vor den Menschen. Er ist bei mir seit er sechs Jahre alt ist und auch zu ihm bin ich durch Zufall gekommen. Er war ein Überbleibsel einer aufgelösten Zucht und sechsjährig noch völlig roh. Linus war das seltsamste Pferd, dass ich je gesehen hatte und glich mehr einer Giraffe als einem Pferd. Vorne enorm überbaut, ein dünnes Hälschen, meterlange Beine, dünn wie eine Schnacke und er bewegte sich wie eine Spinne auf Rollschuhen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich damals dachte „welcher Depp kauft denn so ein Pferd????“

Wie das Leben aber so spielt, und obwohl ich mich wirklich mehrfach vehement gewehrt habe, ließ ich mich irgendwann doch überreden und er kam zur Ausbildung zu mir. Wider Erwarten stellte sich der „Körperklaus“ aber als ganz wunderbar sensibles und aufmerksames Pferd heraus, der unglaublich lernfleißig war, obwohl ihm sein Körper bei so ziemlich allem im Weg stand. Und eh ich mich`s versah, hatte ich ihn gekauft. Es war eine totale Spontanhandlung ohne professionellen Sinn und Verstand, nur mit dem Herz entschieden. Eine der besten Entscheidungen aller Zeiten!

 

Was nun begann war eine nicht enden wollende Lehrzeit für mich. Linus war und ist in allem so sensibel, introvertiert und zurückhaltend, dass ich mein hauptsächlich von Wotan geprägtes Arbeiten komplett umstellen musste. Alles was ich bis dahin für fein hielt, war immer noch nicht fein genug. Wenn ich bis dahin geglaubt hatte, ich wäre geduldig, so zeigte mir Linus, was echte Geduld bedeutete, denn verlor ich auch nur ein einziges Mal für Sekunden die Beherrschung und fluchte z.B. beim Reiten laut vor mich hin, war das Training gelaufen. Und das der nächsten Woche auch. Nichts und niemand hat jemals soviel Selbstdisziplin von mir gefordert wie er. Dazu kommt sein schwieriger Körperbau. Eine steile Schulter, ein kurzer Rücken, eine eher abfallende Kruppe, ein schnelles und weit untertretendes Hinterbein, ein langsames, wenig raumgreifendes Vorderbein und das alles im balanceanfälligen Hochquadrat. Ich musste seinen Ausbildungsweg komplett individuell gestalten. Eigentlich klappte nichts so, wie ich es von anderen Pferden her kannte. Alles dauerte viel länger, die Lernschritte waren winzig und Dinge, die an einem Tag gut funktionierten, waren am Tag darauf völlig unmöglich auszuführen. Unser erster gemeinsamer, selbstbestimmter Rechtsgalopp gelang im Alter von 10 Jahren, ein Moment der sich anfühlte als hätte ich soeben das Rad neu erfunden!

Natürlich war er auch die Hauptmotivation zu meinem Buch und kein Pferd hätte besser auf den Titel gepasst als er. Er zeigte mir, dass Individualität immer die oberste Priorität haben muss und alles andere, jeder Wunsch nach Ausbildung und Erfolg dieser Individualität untergeordnet werden muss.
Gerade jetzt lehrt er mich wieder etwas Neues und ich werde davon berichten wenn ich meine Lektion verstanden und gelernt habe.
Am ersten Tag als ich Linus sah und ihn so schnell und lieblos vorverurteilt habe, hätte es nie für möglich gehalten, dass dieses merkwürdige Pferd auf so vielfältige Art und Weise mein Lehrmeister sein würde. Er hat mir bis heute schon so viel mehr beigebracht hat, als ich ihm je beibringen kann und er hat mich vor allem eins gelehrt: seine Freiheit, geistig genauso wie körperlich, ist sein höchstes Gut. Er ist ein Freigeist par exellence, er ist eigenständig und unabhängig und würde ihm das genommen, würde er verkümmern. Er wird mich vermutlich niemals anbrummeln, so wie Wotan, und wenn er mich nicht sehen will, dreht er sich um und geht wenn ich komme. So ist er einfach und ich versuche nicht, ihn zu ändern. Es hat etwas gedauert, aber ich habe es verstanden und ich liebe es ihn zu lieben wie er ist. Genauso und nicht anders.

Unteres Foto:CAVALLO/Lisa Rädlein