„Da läuft was schief“


Die Geraderichtung des Pferdes und warum sie so unverzichtbar für verantwortungsvolles Reiten ist – Ursachen und Auswirkungen.
Von Christine Hlauscheck, November 2015

Wenn wir als Reiter mit unseren Pferden die Trainingsleiter langsam aber stetig nach oben steigen wollen, so müssen wir uns alle im Laufe der Ausbildung mit mehr oder weniger den
gleichen Problemen herumschlagen. Egal ob Dressur- oder Springpferd, Geländekamerad, Trail- oder Bodenarbeitskünstler, Working-Equitation Ass oder Kutschgänger, sie alle unterliegen in vielen Punkten den gleichen Gesetzmäßigkeiten und deshalb gelten für sie alle ähnliche Ausbildungsgrundlagen.

Damit diese Ausbildung nicht sinn- und planlos von Statten geht, sondern sinnvoll und systematisch aufgebaut werden kann, gibt uns z.B. die Skala der Ausbildung hilfreiche Meilensteine an die Hand, an denen wir uns orientieren können und sollten. Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung sind die sechs anzustrebenden Entwicklungs- und Lernstufen eines Pferdes.

Diese Punkte dienen vor allem einem ganz wichtigen Aspekt, nämliche der Gesunderhaltung unserer Pferde trotz einer für sie artfremden Nutzung. Über die Reihenfolge der verschiedenen Punkte und deren Wichtigkeit und Bedeutung für den Ausbildungsprozess wird je nach Lager oder Philosophie in der Reiterwelt kontrovers diskutiert. Auch werden je nach Lehrmeinung Begriffe hinzugefügt oder weggelassen. Dies soll uns heute aber nur am Rande beschäftigen, da ich persönlich die Meinung vertrete, jeder der sich intensiv, verantwortungsbewusst, reflektiert und systematisch mit der Ausbildung eines Pferdes beschäftigt, und nach reiflichem Überlegen, jahrelanger Erfahrung und dem Studium entsprechender gehaltvoller Lektüre zu dem Schluss kommt, den Weg der Ausbildung an der ein oder anderen Stelle pro Pferd modifizieren zu wollen, der mag das tun, wenn er in der Lage ist seinen Standpunkt logisch und argumentativ schlüssig zu vertreten. In einer Zeit in der ein Großteil der Pferde völlig planlos geritten und ausgebildet wird, von Menschen mit viel zu wenig Erfahrung, ohne das nötige Hintergrundwissen, ohne die Fähigkeit Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, in einer Zeit in der sich die Skala der Ausbildung auf „alles so schnell es geht“ reduziert zu haben scheint, ist es in meinen Augen das durchaus kleinere Problem, ob nun beispielsweise die Geraderichtung an dritter, vierter oder fünfter Stelle des jeweiligen Ausbildungssystems steht. Hauptsache ist sie findet statt! Und somit sind wir mitten im Thema angekommen, denn darum soll es heute gehen: Die Geraderichtung des Pferdes.

Für mich bedeutet Pferdeausbildung Gesunderhaltung. Fakt ist, Pferde sind zum Reiten nicht geschaffen. Wenn wir reiten, ohne unsere Pferde auf diese Arbeit vorzubereiten, werden sie im Laufe der Jahre gesundheitliche Schäden davon tragen (die Alternative könnte natürlich sein, nicht zu reiten, allerdings ist das doch eher eine utopische Forderung). Eine Ursache dafür, dass Pferde das Gerittenwerden ohne entsprechende Vorbereitung nicht gesund überstehen würden ist die natürliche Schiefe.

Kommen Euch folgende Dinge bekannt vor? Euer Pferd

  •  lässt sich z.B. rechts schlecht biegen
  • galoppiert auf einer Hand öfter/ immer falsch an
  • rennt unter Euch weg/ eilt durch die Ecken
  • lässt sich auf einer Hand schlecht abwenden
  • kann Schenkelweichen/Seitengänge auf einer Hand viel schlechter
  • als auf der anderen
  • verwirft sich auf einer Hand im Genick
  • driftet an der offenen Zirkelseite nach außen
  • fällt in Ecken und Wendungen auf die innere Schulter
  • wird beim Rückwärtsrichten/ Halten schief
  • fällt im Galopp auf einer Hand in Ecken und Wendungen aus oder springt um
  • macht Taktfehler und der Tierarzt findet keine Ursache

Die Auflistung nennt viele unterschiedliche Problem, die aber alle auf die gleiche Ursache zurück zu führen sind: Die natürliche Schiefe. Die natürliche Schiefe ist im Grunde genommen ein Teilbereich der körperlichen Voraussetzungen eines Pferdes mit dem es auf die Welt kommt und sie hat weitreichende Auswirkungen auf die Bewegungsfähigkeiten und –neigungen eines Pferdes. Ähnlich wie bei uns Menschen ist rechts nicht gleich links und so gibt es auch für die beiden Körperhälften („Hände“) des Pferdes Eigenschaften, die entweder individuell rechts oder individuell links auftreten. Oft wird von der guten und der schlechten Seite eines Pferdes gesprochen. Ich finde diese Bezeichnungen nicht richtig, hat doch jede Seite Ihre Vor- und ihre Nachteile.

Die Ursachen für die natürliche Schiefe sind letztendlich nicht genau zu bestimmen, und auch unter Fachleuten umstritten. Für die einen ist es die Lage des Fohlens im Mutterleib, für die anderen die Art und Weise wie und von welcher Seite das Fohlen säugt, wieder andere glauben, dass die unterschiedliche Gewichtsaufteilung innerhalb des Rumpfes ( rechts liegen die schwereren Darmanteile) ursächlich für die natürliche Schiefe verantwortlich sind und somit einen großen Einfluss auf die spätere „Händigkeit“ eines Pferdes haben. Die Fähigkeiten und die Schiefe des Reiters spielen auch sicher eine nicht unwichtige Rolle. Bei Pferden spricht man nicht von rechts- bzw. linkshändig, sondern davon, dass es mit einer hohlen (weichen) und einer Zwangsseite (feste Seite, steife Seite) ausgestattet ist. Demzufolge gibt es linkshohle und rechtshohle Pferde.

Wenn wir uns das linkshohle Pferd einmal genauer betrachten wollen, so wirkt sich die natürliche Schiefe auf den Körper des Pferdes in mehrfacher Weise aus.

Skizze1: linkshohles zu den Punkten 1-6

skizze_1_links_hohles_pferd

  1. Die Muskulatur der linken Körperhälfte ist im Vergleich zur der der rechten verkürzt.
  2. Die Muskulatur der rechten Körperhälfte ist weniger kontraktionsfähig.
  3. Das Vorderbein der Zwangsseite ist das mehrbelastete Vorderbein.
  4. Als Folge dessen trägt das Pferd zum Ausgleich der Balance den Kopf nach links geneigt.
  5. Das Hinterbein der hohlen Seite ist aufgrund seiner Trittrichtung leicht am Schwerpunkt vorbei, das im Vergleich etwas schwächere aber dafür biegsamere der beiden Hinterbeine.
  6. Das Hinterbein der Zwangsseite hingegen ist das Stärkere, dafür aber etwas Steifere.
Auswirkungen auf das Pferd Gefühl beim Reiter
1. Die Muskulatur der linken Körperhälfte ist im Vergleich zur rechten verkürzt. Linkswendungen, Zirkel, Volten klappen vermeintlich leichter als die nach rechts, der linke Schenkel fühlt sich an als treibe er in eine Kuhle, es fehlt der positive Widerstand des Rumpfes, das Pferd reagiert schlechter auf den linken Schenkel
2. Die Muskulatur der rechten Körperhälfte ist weniger kontraktionsfähig. Ein besseres Kontaktgefühl zwischen Rumpf und Schenkel, das Pferd reagiert besser auf den rechten Schenkel
3. Das Vorderbein der Zwangsseite (hier rechts) ist das mehrbelastete Vorderbein. Das Pferd bricht auf linksgebogenen Linien leichter über die rechte Schulter nach außen weg. Auf der rechten Hand „fällt“ es auf das innere Vorderbein in den Zirkel
4. Als Folge dessen trägt das Pferd zum Ausgleich der Balance den Kopf nach links geneigt. Der Zügel der hohlen Seite fühlt sich auf negative Art leichter an. Es ist schwer hier eine korrekte Anlehnung zu erhalten. Der Zügel der Zwangsseite ist „strammer“, das Pferd möchte sich nicht weich stellen lassen.
5. Das Hinterbein der hohlen Seite ist aufgrund seiner Trittrichtung leicht am Schwerpunkt vorbei, das im Vergleich etwas schwächere aber dafür biegsamere der beiden Hinterbeine. Es fühlt sich an, als ob man mit dem linken Gesäßknochen in eine Kuhle sitzt. Die Bewegung ist weicher.
6. Das Hinterbein der Zwangsseite hingegen ist das Stärkere, dafür aber etwas Steifere. Hier fühlt es sich eher so an als ob der Gesäßknochen in der Bewegung wie mit einem Pfahl nach oben angehoben wird. Die Bewegung ist härter.

Wenn wir solche Auflistungen und Vergleiche anstellen dürfen wir eines nicht vergessen: trotz genereller Gesetzmäßigkeiten ist jedes Pferd ein Individuum und lässt sich nicht in Schubladen stecken. Auch haben das Exterieur, die Fähigkeiten und eigene Schiefe des Reiters, die medizinische Vorgeschichte des Pferdes, der Ausbildungsstand und viele weitere Faktoren Einfluss auf den Bewegungsablauf. Es ist also durchaus möglich, dass ein Pferd zwar vier der genannten Punkte genauso aufzeigt, sich in zwei anderen aber völlig gegensätzlich verhält. Wir arbeiten mit Lebewesen und von diesen ist nun mal keins wie das andere, wichtig ist aber, dass wir als Reiter in der Lage sind die individuellen Gegebenheiten beim eigenen Pferd zu analysieren, damit wir entsprechend damit umgehen können, denn einerseits erschweren uns diese Eigenschaften das Reiten und können zu Frust bei Mensch und Tier führen, zu Missverständnissen und daraus resultierenden Widersetzlichkeiten. Andererseits wäre es nur eine Frage der Zeit bis die von Natur aus unterschiedliche Belastung der einzelnen Körperpartien zu gesundheitlichen Abnutzungen, Überlastungen und Schäden führen würde. Wenn wir als Reiter diesen Gegebenheiten keine Beachtung schenken und unsere Pferde „unkorrigiert“ über Jahre in Hallen, auf Plätzen oder im Gelände Kilometer um Kilometer laufen lassen sind gesundheitliche Probleme vorprogrammiert. Damit genau dies nicht passiert liegt es nun an uns, das tägliche Training systematisch so aufzubauen, dass wir die positiven Eigenschaften der jeweiligen Körperhälfte auf die andere übertragen können,
dass es gelingt die Dysbalancen im Körper nach und nach zu beseitigen und die beiden Körperhälften in Bezug auf Geschmeidigkeit, Kraft, Koordination und Gleichgewicht
einander so gut es geht anzugleichen. Einer meiner Lehrer hat mir einmal gesagt „Je klarer Du ein Ziel formulierst, umso gerader wird Dein Weg dorthin sein!“ Es geht also darum unsere Trainingsziele möglichst deutlich und präzise zu benennen, damit wir dann die geeigneten Maßnahmen, sprich Übungen und Lektionen auswählen können um unser Ziel zu erreichen unser Pferd bestmöglich geradezurichten.

skizze_2_gegenberstellung1

Skizze 2: Gegenüberstellung schiefes Pferd/geradegerichtetes Pferd

Wenn wir dafür die oben aufgelisteten sechs Punkte zu Hilfe nehmen, so müssen unsere Trainingsschritte für das linkshohle Pferd wie folgt lauten:

  1. Die Muskulatur der linken Körperhälfte dehnen
  2. Die Kontraktionsfähigkeit der rechten Körperhälfte verbessern
  3. Die ungleiche Gewichtsverteilung der beiden Vorderbeine angleichen, sprich das rechte Bein entlasten, das linke Bein mehr in die Last miteinbeziehen
  4. Die Kopf-Hals-Position verändert sich daraufhin von selbst, da ein Gegenbalancieren nun nicht mehr nötig ist.
  5. Das linke Hinterbein kräftigen und in seiner Bewegungsrichtung deutlicher unter den Körperschwerpunkt bringen
  6. Das rechte Hinterbein biegsamer machen

Bei der Wahl der geeigneten Lektionen und Übungsschritte zur Erreichung der einzelnen Trainingsziele spielen Talent und Neigung von Pferd und Reiter eine entscheidende Rolle. Nichts ist demotivierender und auch langweiliger als Übungen machen zu müssen nur weil sie sinnvoll sind. Sie sollen selbstverständlich ihren Zweck erfüllen, aber man wird immer schneller und auch effektiver zum Ziel kommen wenn die Arbeit Spaß macht.

November, 2015