„Das Exterieur bestimmt den Trainingsweg!“


Von Christine Hlauscheck, November 2014

Neben der Tatsache, dass Reiten einfach wahnsinnig viel Spaß und Freude macht, steht für den verantwortungsvollen Reiter und Pferdebesitzer immer auch die Gesunderhaltung des Pferdes an erster Stelle. Außerhalb des Trainings, im Bereich der Pferdehaltung und –pflege wird dieses Ziel ganz vielfältig z.B. durch artgerechte Stallformen, individuelle Fütterungskonzepte und Futtermittel und durch eine ganzheitliche gesundheitliche Betreuung erreicht.
Im täglichen Training soll eine sinnvolle, gymnastizierende Arbeit des Pferdes dafür sorgen, dass unser Freund und Partner lange stark und gesund bleibt. Das Reiten in Dehnungshaltung, die stufenweise Entwicklung einer korrekten relativen Aufrichtung und schließlich das Erreichen einer Versammlung im klassischen Sinne sind die Grundpfeiler einer pferdegerechten Ausbildungsarbeit. Das kompromisslose Beachten und Respektieren der biomechanischen Zusammenhänge und die funktionelle Anatomie des Pferdes stehen hierbei im Vordergrund.

Wie aber verhält es sich mit der ganz individuellen Anatomie eines Pferdes?

Gelten für einen Haflinger die gleichen Trainingsgrundsätze wie für einen Friesen? Und sind die Kriterien für die Dehnungshaltung eines Andalusiers die gleichen wie für die eines Warmbluts?
Genau wie wir Menschen bringen unterschiedliche Pferde völlig unterschiedliche körperliche Bedingungen mit. Diese können ganz individuell sein. Die Exterieurlehre nennt solche Besonderheiten einen Mangel. Der zu lange Rücken eines Warmbluts stellt beispielsweise einen Exterieurmangel dar, da er sich in Aussehen und Auswirkung vom gewünschten Ideal unterscheidet. Abgesehen davon, dass ich persönlich es nicht richtig finde einem Lebewesen den Stempel „Mangelware“ aufzudrücken, nur weil etwas an seinem Körper nicht der Norm entspricht, stellt sich doch die Frage: „Was ist wenn eine ganze Rasse andere körperliche Vorraussetzungen mitbringt?“ Haben alle Pferde der portugiesischen Rasse Altér Real einen Exterieurmangel aufgrund ihres Rückens, der ja bekanntermaßen kürzer ist als bei anderen Rassen? Oder macht der oftmals eher tief angesetzte, kompaktere Hals der Haflinger sie zu weniger geeigneten Sportpartnern? Wohl kaum!

Der Nutzen entwickelte das Exterieur

Jede Rasse hat ihre ganz eigene Geschichte und Entwicklung bezüglich der Eignung und Nutzbarkeit für und durch den Menschen. Allen züchterischen Bemühungen lag stets eine Gemeinsamkeit zugrunde: Die Frage nach dem „wie soll es aussehen?“ richtete sich immer nach dem „was soll es leisten?“. So entstanden durch züchterische Auslese z.B. die kurzen iberischen Rassen wie Lusitano oder P.R.E. , deren Schnelligkeit und Wendigkeit in der Arbeit mit Rindern und Stieren unerlässlich waren und sind, die hoch aufgerichteten Friesen als majestätische Pferde für die Kutschen der Adeligen oder die stämmigen Haflinger als anspruchslose Lastenpferde für karge und unzugängliche Gebirgsregionen.
Diese einst sehr spezialisierten Einsatzbereiche der Pferde gibt es heute in der Art nicht mehr. Einerseits sind viele ursprüngliche Nutzungsmöglichkeiten weggefallen (der Adel fährt z.B. heutzutage eher Rolls Royce), andererseits hat der Reitsport in allen Facetten die einstigen Exoten für sich entdeckt.
Ob im Breiten- oder im Leistungssport, die Vielfalt der Rassen ist allgegenwärtig und so konkurrieren in den Dressurprüfungen Norweger gegen Araber, gehen Haflinger Stilspringprüfungen und stolze Andalusier zeigen sich gelassen im Trailparcours.
Es ist also so, dass die sehr verschiedenen Rassen die ursprünglich sehr verschiedene Arbeitsbereiche hatten, sich jetzt größtenteils im Bereich der Sport- und Freizeitpferdenutzung wieder finden.

Das Exterieur des Sportlers

Natürlich hat die immer umgreifendere Nutzung als Sportpferd auch genetisch ihren Einzug in jede Rasse gehalten und durch geeignete Veredlung wurden Beine länger, Hälse schlanker und Bewegungen raumgreifender. Trotzdem weisen die einzelnen Rassen selbstverständlich (und glücklicherweise) immer noch deutliche körperliche Unterschiede auf. Diese Unterschiede können einen großen Einfluss auf den Ausbildungsweg und die tägliche Arbeit haben.

Damit daraus keine Hindernisse oder gar Stolpersteine für die Gesunderhaltung des Pferdes werden, gilt es im Training auf die exterieurspezifischen Bedingungen des Pferdes einzugehen.

Wenn man ein Pferd rein unter den Gesichtspunkten betrachtet, die für das Reiten und Gymnastizieren wichtig sind, so hat jede Körperregion ihre ganz eigene Aufgabe.

  • Das Genick mit der Ganasche bestimmt die Beizäumungsfähigkeit und den Stellungsspielraum des Pferdes.
  • Der Hals dient als Balancierstange und Hebel und ist in seinen Eigenschaften wie Länge, Form und Ansatz maßgeblich an der Findung und Verbesserung des Gleichgewichts beteiligt.
  • Die Schulter ist in günstiger Schräge und Länge mit für den Raumgriff und die Bergauftendenz der Bewegungen verantwortlich.
  • Ein gut ausgeprägter Widerrist ist ein hervorragender Hebel zur Rückenaufwölbung.
  • Der Rücken selbst ist in seinen Aufgaben vielfältig: er soll den Reiter tragen, in den Bewegungen rhythmisch schwingen, Energie übertragen und biegsam sein.
  • Die Hinterhand mit der Kruppe ist die Quelle aller Bewegungsenergie und der Motor des Pferdes. Gleichzeitig ist sie der zentrale Körperteil im Bezug auf die tragende und versammelnde Arbeit.

Um diese Aufgaben bestmöglich erfüllen zu können gibt es  natürlich eine körperliche Idealform. Dieses Ideal lässt sich in Winkelmaßen, Längen- und Breitenangaben und Proportionen ausdrücken und es verspricht eine möglichst leichte und verschleißfreie Nutzung des Pferdes. Aufgrund des bereits erwähnten geschichtlichen, Ursprungsgebrauchs verschiedener Pferde, weicht das Exterieur mancher Rassen in einigen Punkten von der gewünschten Idealform ab. Damit diese Abweichungen nicht dafür verantwortlich sind, dass der Ausbildungsweg in einer Sackgasse endet, muss ihnen im Training eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

 

Das Genick und die Ganaschenfreiheit

Betrachten wir beispielsweise zunächst den Bereich des Genicks und der Ganasche. Laut Exterieurlehre sollen zwischen dem Atlasflügel und dem hinterem Rand des Unterkieferknochens zwei bis drei fingerbreit Abstand sein. Dieser Abstand ermöglicht dem Pferd eine problemlose Beizäumungsfähigkeit und somit wird es ihm leicht fallen während des Reitens am Zügel zu gehen und dabei die Stirn-Nasen-Linie an der Senkrechten zu tragen.

Der typische Norweger verfügt oftmals über weniger Raum an der genannten Stelle. Mit ein bis zwei fingerbreit sind die Verhältnisse deutlich beengter, zusätzlich kann sich ein eher kräftiger, kompakter Hals zusätzlich negative auswirken. Hier setzt die Anatomie ganz klare Grenzen und eine Kopf-Hals-Haltung mit der Stirn-Nasenlinie an der Senkrechten wird nur in seltenen Fällen möglich sein. Bei allen Trainingsansätzen muss hier darauf geachtet werden, dem Pferd stets genug Freiheit in der Anlehnung zu lassen und es nicht in eine Form pressen zu wollen.

Da sich ein korrekt gerittenes Pferd aber nicht nur dadurch auszeichnet, dass es die beschriebene Kopfhaltung einnimmt, sehe ich darin kein großes Problem. Ein aktives Hinterbein, ein schwingender, gewölbter Rücken und eine Halshaltung die vom Widerrist an je nach Ausbildungsstand mehr oder weniger aufgerichtet ist und sich über die gesamte Länge an die Hand dehnt, sind Zeichen des gut gymnastizierten Pferdes. Ob die Stirn-Nasenlinie dabei an oder auch vor der Senkrechten getragen wird, ist meines Erachtens völlig unerheblich.

Der Halsansatz

Wenn wir uns den Bereich des Halses anschauen, so sagt der Ansatz viel darüber aus, wie unkompliziert sich ein Pferd ausbilden lässt. Ein gut an der Schulter angesetzter Hals erleichtert das Arbeiten in Dehnungshaltung ebenso wie die spätere relative Aufrichtung.

Wie erkennt man aber, ob das eigene Pferd einen günstig angesetzten Hals hat?

Ziehen Sie eine Linie auf Höhe der Gurtlage vom Widerrist aus am Rumpf nach unten. Aus dem Mittelpunkt dieser Linie ziehen sie eine waagerechte Linie in Richtung Schulterblatt. Dort wo diese Linie aus der Schulter nach vorn heraustritt ist der ideale Ansatzpunkt des Halses. Beginnt der Hals oberhalb dieser Linie handelt es sich um einen hoch angesetzten Hals (oftmals bei Friesen der Fall), beginnt er unterhalb der Linie spricht man von einem tief angesetzten Hals wie bei einigen Robustrassen.

Der tief angesetzte Hals

Pferden mit einem tief angesetzten Hals kann es schwerer fallen, den Schwerpunkt im Verlauf der Ausbildung nach hinten zu verlagern, so dass die Vorhand etwas ungünstiger belastet ist.

In der Dehnungshaltung neigen sie dazu auf die Vorhand zu fallen. Hier ist eine angemessene Halseinstellung in der Dehnungshaltung die Lösung des Problems. Keinesfalls zu tief, sorgt eine Dehnungshaltung mit der Nase auf Höhe des Buggelenks dafür, dass das Pferd im Gleichgewicht bleibt. Mit fortschreitender Ausbildung helfen Seitengänge und Übergänge die Hinterhand und den Rücken beweglich und tragfähig zu machen und so mithilfe der relativen Aufrichtung eine biomechanisch korrekte Versammlung zu erreichen.

Der hoch angesetzte Hals

Das Gegenstück, der hoch angesetzte Hals hat seine Probleme in genau entgegen gesetzter Richtung. Hier eine Dehnungshaltung zu erarbeiten, die den Rücken aufwölbt, kann mitunter eine Herausforderung sein. Pferde mit solchen Halsansätzen neigen dazu, sich „oben dran zu stellen“ und den Rücken weg zu drücken. Ihr imposantes Äußeres kann eine Aufrichtung vorgaukeln, die nicht korrekt entwickelt und erritten ist. Würde man diese absolute Aufrichtung als Reiter hinnehmen ohne dafür Sorge zu tragen, dass auch hier eine solide Basisausbildung die richtigen körperlichen Vorraussetzungen schafft, würde man den frühen Verschleiß des Pferdes riskieren und seine Gesunderhaltung aufs Spiel setzen. Die Dehnungshaltung spielt hier eine ganz zentrale Rolle. Sie muss nicht nur in der Grundausbildung des Pferdes erarbeitet werden (hier kann es hilfreich sein, den Hals etwas tiefer, also bis auf Nasenhöhe leicht unterhalb des Buggelenks abzusenken um eine wirkungsvolle Rückenaufwölbung zu erreichen), sondern begleitet das Pferd zeitlebens. Die stetige Abfrage der Dehnungsbereitschaft sichert hier die Gesundheit des Pferdes.

Dies waren nur drei kurz angerissene Beispiele aus dem weiten Feld des rasse- und exterieurspezifischen Trainings. Die Grundbausteine einer soliden Basisausbildung sind stets die gleichen,  egal ob es sich um einen Warmblüter mit eher großen Linien, einen kompakten Spanier oder einen hoch aufgerichteten Friesen handelt.

Die Entwicklung eines tragfähigen und schwingenden Rückens, das Finden des Gleichgewichtes und eine in allen Übungen erhalten bleibende Losgelassenheit, bilden die Grundlage für eine pferdgerechte Gymnastizierung. Der Weg zum Erreichen dieser Ziele kann allerdings von Pferd zu Pferd recht unterschiedlich sein. Das Erkennen der körperlichen und anatomischen Vorraussetzungen des Pferdes und der sinnvolle und respektvolle Umgang mit ihnen im Training bilden die Basis für einen erfolgreichen Ausbildungsweg den beide, Pferd und Reiter mit Freude gehen können.