„Der Sattel passt….und taugt doch nix!“


An einen Sattel wird hauptsächlich die Anforderung „er muss passen“ gestellt. Dass das aber nur die halbe Wahrheit ist, erlebe ich immer wieder in meiner täglichen Praxis. Ich habe in diesem Artikel einmal einige meiner Beobachtungen zusammengestellt und ich hoffe, er kann für den ein oder anderen hilfreich sein.

Sättel waren einmal ziemlich gut. So vor 50 Jahren. Da war es nämlich so, dass ein Sattel recht unaufwendig war. Vorne wie hinten flach, schlicht und ergreifend aber mit viel Bewegungsfreiheit für den Reiter. Durch die geöffnete, freie Sitzfläche war der geübte Reiter in der Lage, jede Bewegung seines Pferdes im Sitz, also vorrangig im Becken und den Gelenken der Beine (Hüfte, Knie, Fußgelenk) mitzugehen. So konnten die Bewegungen fließen. Die des Reiters genauso wie die der Pferde. Die Form des Sattelblattes erinnerte auch bei den Dressurreitern eher an einen Vielseitigkeitssattel.

Bild 1 Horst Köhler

Das kerzengerade Blatt der heutigen Dressursättel fand man damals nur äußerst selten. Auch gab es weder einen extrem hochgezogenen Hinterzwiesel (die heutigen Tiefsitzer) noch absurd wulstige Pauschen, die den Reiter in eine Sitzform gepresst haben. Der Reiter konnte in entspannter Haltung mit entsprechend gewinkeltem Bein bequem sitzen, da das Knie über das Sattelblatt fließen konnte und es nach hinten keine unnatürliche Begrenzung für die Bewegung des Beckens gab. Durch die Winkelung in den Gelenken (Hüfte, Knie, Fußgelenk) war der Reiter in der Lage die Bewegungen mitzufedern.

Bild 2 Josef Neckermann

Einen „Nachteil“ hatten diese Sättel allerdings: man musste tatsächlich sitzen lernen. Es war von Nöten, sich mit dem eigenen Sitz, der eigenen Balance auf dem Pferd auseinanderzusetzen, da man sonst in brenzligen Situationen ganz schnell in Wohnungsnot kommen konnte. Ein Sattel hat zur damaligen Zeit einfach das getan, was ein Sattel tun sollte: das Sitzen ermöglicht! Für den Rest war man als Reiter selbst verantwortlich.

Nun ist es in jeder Sportart so, dass man, möchte man besser werden, an sich arbeiten muss. Der Kurzstrecklenläufer quält sich mit der Schnellkraft herum bis sie besser wird, der Langstreckler mit der Ausdauer. Der Turner vielleicht mit der Elastizität, der Tennisspieler mit der Reaktionsschnelligkeit. Und was macht der Reiter, wenn das Sitzen schwierig ist? Richtig, mehr „Haltegriffe“ anbauen, also mehr vor`s Bein und mehr hinter den Po. Selbstdisziplin Fehlanzeige, geht ja auch einfacher. Nun muss man hier den schwarzen Peter aber allen voran den Herstellern zuschieben, denn die haben diese Dinger schließlich gebaut und mit werbewirksamen Slogans unters Volk gebracht. So enstanden im Laufe der Jahre die vielbespöttelten aber dennoch erfolgreich verkauften Sitzprothesen a la Kieffer „Ulla Salzgeber“, Bates „Innova“, Kentaur „Electra“ und viele andere.

Bild 3 Sitzprothesen

Diese Sättel vermitteln zwar ein sicheres Haltegefühl für den sitzmuffeligen Reiter, der sich nun auch um den ausbalancierten Grundsitz keine Sorgen mehr machen muss, stellen aber eine Katastrophe für einen bewegungstechnisch sinnvollen Sitz dar und sind eine ebensolche Katastrophe für die Gesundheit der Pferde. Und da kommen wir zum eigentlichen Kern des Problems: Wie weitreichend die Auswirkung eines solchen Sattels tatsächlich für unsere Pferde ist!

Ein Pferd bewegt sich unter dem Reiter je nach Gangart mal mehr, mal weniger energetisch vorwärts. Diese Bewegung bleibt natürlich keinesfalls ohne Auswirkung für den Menschen obendrauf. Dieser wird natürlich auch bewegt. Im Sinne der Vorwärtsbewegung von hinten nach vorne, je höher die Gangart ist, auch deutlich von unten nach oben. Bei unseren Sattel- und Sitzbeispielen aus den 60 er Jahren war dies überhaupt kein Problem. Die Energie des Pferdes wird übertragen auf den Reiter, er bewegt sich rhythmisch mit, geht die Bewegung mit wie ein Surfer auf einer Welle. Sein Becken bewegt sich, sein Knie fließt übers Sattelblatt, ungehindert von einer dominanten Pausche und fertig. Die Auf- und Abbewegung kann er völlig problemlos über die gewinkelten Gelenke mitfedern. So gibt es kein Stoppen, kein Stoßen, nur Fluss!

Bei den heutigen Sätteln fließt da leider wenig oder gar nichts mehr, weil nach vorne einfach nichts fließen kann! Die Vorwärtsbewegung wird einmal so richtig schön in die Pausche gedonnert, unmittelbar gegen das Schulterblatt des Pferdes, denn da liegt der Sattel ja an.

Bild 4 Bates

Die nun eigentlich logisch folgende rhythmische Bewegung nach hinten, kann sich auch nicht frei entfalten, denn da befindet sich der steil ansteigende Hinterzwiesel. Also stößt sie da gleich noch mal an. Damit dieses ständige Anstoßen vorne und hinten für das Menschlein im Sattel nicht ganz so unangenehm wird, wird es natürlich versuchen die Bewegung nicht sooooo arg durchzulassen und es hält im Becken fest. Weniger Bewegung, weniger Anstoßen. Logischerweise führt ein festgehaltener Reiter auch relativ schnell zu einem festgehaltenen Pferd, mit ebenfalls reduzierten Bewegungen. Das lästige Vor- und Zurück-Gewackel im Sattel wird von selbst weniger. Ein zweifelhafter Erfolg…

Was die Auf- und Abbewegung betrifft, so ist leider auch die Federfähigkeit der Gelenke stark eingeschränkt, denn durch die dicken Pauschen kann das Knie ja auch nicht mehr entsprechend vorn gewinkelt werden. Bei dem dadurch entstehenden, extrem geraden Bein, fallen Hüftwinkel und Kniewinkel nur noch ganz minimal aus.

Bild 5a grüne Reithose

Bild 5b Turnierklamotten

Und was ist, wenn z.B. der Oberschenkel des Reiters recht lang ist? Wo soll er hin? Gerade herab gestreckt? Das funktioniert tatsächlich, aber nur bei hypermobilen Menschen. Denen es ist es (fast) egal wie viel Pausche sie vor sich haben, oder wie lang der Bügel ist, denn aufgrund ihrer genetischen Präposition, können sie trotz des „langen Beins“ noch sehr beweglich und ohne Überstreckung der Hüfte im Sattel sitzen. Diese Fähigkeit teilen aber sicherlich ca. 85% der durchschnittlichen, bürosteifen Reiter NICHT. Sie können das Bein eben nicht lang herab hängen lassen ohne dabei die Hüfte zu überstrecken und diese so festzustellen.

Bild 6 langer Oberschenkel

So erklärt sich auch das Problem der „Spitzentänzer“: eigentlich benötigten sie eine kürzere Bügellänge. Aufgrund der nicht möglichen Winkelung (zu dicke Pausche stört das Knie, das Knie stößt vorne an) können sie sich den Bügel aber nicht kurz genug schnallen und stehen spätestens im leichttraben nur noch mit hoher Hacke auf dem Fußballen.

„Ja, lass die Hlauscheck reden“, denkt sich jetzt der Sitzprothesenfreund, „ich bin hochzufrieden mit meinem Tiefsitzer und mein Pferd auch.“ Aber, ist es das Pferd wirklich? Zufrieden? Ich habe ein paar Bilder, die verdeutlichen, was in der Bewegung so alles auf dem Pferderücken passiert.

Vom Galopp wird immer nur eine einzige Phase auf Bildern gezeigt: die Schöne mit viel bergauf und dem Hinterbein weit unter dem Schwerpunkt. (Bei Rennpferden manchmal noch die der völlig freien Schwebe).

Bild 7 gute Phase Janus

Alle anderen Phasen des Galopps sehen grottenhäßlich aus. Aber es gibt sie. Bei jedem Sprung den das Pferd macht, und schauen wir zum Beispiel mal auf die wirklich gar nicht fotogene Phase der Einbeinstütze des Vorderbeins, in der der Schub von hinten recht gewaltig ist, dann kriegt das Ganze vielleicht doch irgendwie einen ernsten Charakter, der zum Nachdenken anregt.

Bild 8a schlechte Phase Galopp

Bild 8b schlechte Phase Galopp

Bild 8c schlechte Phase Galopp

Ich glaube diese Bilder zeigen deutlich wie viel Bewegung das Pferd auf seinen Reiter, und der Reiter wieder zurück auf sein Pferd überträgt. Und mit Bewegung verhält es sich immer gleich: kann sie nicht frei fließen, gibt es einen Stau. Einen Rückstoß, eine Störung im Bewegungsablauf. Diese Störung betrifft in diesem Falle beide: Pferd und Reiter! Der Reiter wird auf Dauer immer fester und das Pferd immer weniger gehfreudig, denn weniger Bewegung bedeutet für das Pferd auch weniger Druck und Stöße von oben gegen das Schulterblatt. Also ist die absolut logische Folge: Reduzierung der Bewegungen! Auf deutsch: das Pferd läuft plötzlich nicht mehr frei, wird verhalten, das Vorderbein schwingt nicht mehr aus der Schulter (weil diese sich nicht frei bewegen kann), der Gang wird kurz und abgehackt. Im schlimmsten Fall wird das Pferd gar klemmig und möchte gar nicht mehr laufen. Oder aber es fängt an zu rennen wie verrückt, weil es dem Druck von oben einfach davon rennen will. Und das alles, obwohl der Sattler schon dreimal da war und versichert hat, der Sattel passt prima…..Klar, der Sattel passt vielleicht, weil er liegt ohne Druckstellen zu erzeugen und auch korrekt im Schwerpunkt ist, aber er taugt nichts in der Bewegung, weil er gegen die unumstößlichen Gesetze der Bewegung arbeitet! Ein solcher Sattel schafft deutlich mehr Probleme als er löst und eine sinnvolle und erfolgreiche Aus- und Weiterbildung von Pferd UND Reiter ist damit nicht möglich!

Reiten ist Bewegung pur. Wer damit auf dem Pferd nicht umgehen kann, oder nicht umgehen will (und die Gründe dafür können vielseitig sein: Angst, Bewegungseinschränkungen, etc.) und den Ausweg in Verringerung oder Eingrenzung der Bewegung sucht, ist auf dem Holzweg! Deswegen wünsche ich mir für die Gesundheit und das Wohlbefinden unsere Pferde und für die Verbesserung des Reitens wieder Sättel ohne Pauschen mit weniger geraden Sattelblättern und mit einem flacheren Sitz.

Bild 9 guter Sattel Linus

Und ich wünsche mir Reiter die eine Sitzschulung über Jahre hinweg nicht als unnötiges und lästiges Übel ansehen, sondern als echte Chance ihrem Pferd das Leben zu erleichtern! In diesem Sinne, ich geh jetzt turnen.

Eure Tine