Über Wotan

Mein Zweibrücker-Wallach Wotan kam fünfjährig zu mir. Er war vom Züchter bereits einmal verkauft, wurde jedoch als angeblich unberechenbar zurück gegeben. Was natürlich ausgemachter Blödsinn war, er war einfach sauer geritten, wurde er doch in nur zwei Jahren bis zum L-Springpferd „ausgebildet“. Nach seiner Rückkehr kam er kurzzeitig zu mir in den Beritt und ich merkte gleich, was für ein sanfter Riese er war. Ein kleines Herz in einem viel zu großen Körper. Auf dem Papier war er fünf, in der Realität gefühlte drei Jahre. Sein Verhalten war das eines völlig verunsicherten Kindes, seine körperliche Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Er war hager und schlaksig und aufgrund einer nicht erkannten und verschleppten Atemwegserkrankung deutlich unterentwickelt für sein Alter. Da er zu alle dem auch noch einen schlechten TÜV hatte (Hufrolle), sollte er entsorgt werden. Das war mein großes Glück, denn als für den Verkauf wertloses Pferd, bekam ich ihn geschenkt.

Ich schickte ihn erst einmal für ein Jahr auf die Wiese. In einer großen Herde sollte er die Strapazen seines bisherigen Lebens vergessen, und sein Körper und sein Geist sollten das nachholen, was ihnen bisher fehlte. Und es funktionierte! Er wuchs, wurde gesund und entwickelte sich zu einem stattlichen Kerl, 1,72 m groß, mit beachtlichem Fundament.
Seine Ausbildung begann ich dann komplett neu und ganz von vorne. Es war nicht immer leicht, denn aufgrund seiner neu gewonnenen Statur fiel er nun in die Abteilung „Brocken“ und war eigentlich etwas zu viel Pferd für mich. Zudem war er für die Dressur in etwa so zu begeistern wie ich für Science Fiction, nämlich überhaupt gar nicht. Was er aber wirklich hervorragend konnte war Springen. Und damit kam dann auch seine große Stunde.

 

Mit ihm absolvierte ich meine Springprüfungen zur Pferdewirtschaftsmeisterin. Oder er mit mir, denn eigentlich war mein Bestehen sein Verdienst. Es lag ein Jahr hartes Springtraining hinter uns als wir zur Abschlussprüfung antraten und mein bis dahin zwar talentierter aber doch auch gemütlicher Fuchs wuchs in den Prüfungstagen über sich hinaus. Er war so voller Energie und Willenskraft wie ich es noch nie vorher und auch nachher nie mehr bei einem Pferd erlebt habe. Er sprang wie von einem anderen Stern und außer oben zu bleiben, hatte ich keine andere Aufgabe. Das war seine Show! Er war unglaublich und ich erinnere mich wie heute, dass ich vor Freude laut aufgelacht habe, als wir über das letzte Hindernis flogen, weil ich wusste, wir hatten es gepackt.

ER hatte es gepackt. Meinen Titel als Pferdewirtschaftsmeisterin würde ich ohne ihn niemals tragen können und er wird für alle Zeit mein Pferd Nummer eins sein. Nicht, weil er für mich da war als ich ihn am allernötigsten gebraucht habe (denn unter uns, das Springen gehört mit Sicherheit nicht zu meinen Paradedisziplinen), sondern weil er für immer das Pferd sein wird, von dem ich gelernt habe auf das Innere zu hören. Nicht nur das zu sehen was ist, sondern das zu sehen was sein kann. Und egal wann ich morgens in den Stall kam, er hat mir IMMER und JEDEN TAG entgegen gebrummelt.

Da ihm seine Atemwege immer wieder zu schaffen machten führt er nun mit 16 ein Leben als Frührentner, genießt sein Leben im Offenstall und ist unzertrennlich verbunden mit seinem besten Halflingerfreund Almboy.